Sommerzeit - Reisezeit

20.06.2012

Die öffentlich-rechtlichen wollen ihr Programm aufpeppen. Das ist grundsätzlich eine tolle Idee. Die Stilmittel werfen jedoch Fragen auf. Denn ein wesentliches ist augenscheinlich das Verschicken von Moderatoren an andere Orte, damit dort die Moderationen gemacht werden. Zumindest ein kleiner Teil davon.

Frau Miosga begrüßt uns mit windzerzaustem Haar aus Athen, mit Blick auf ein beruhigend friedlich unter ihr liegendes Athen. Das macht sie in ihrer Funktion als Tagesthemen-Moderatorin. Die Nachrichten bleiben die gleichen. Wenn Frau Miosga „von der Krise in Athen“ spricht, während in Ihrem Rücken die Akropolis megawatthell gegen den Nachthimmel erstrahlt, ist das fraglos eine tolle Kulisse. Allerdings berichtet sie dann doch nicht so richtig „vor Ort“ – das macht der Kollege, zu dem sie weiterschaltet. Die Nachrichten des Tages – dafür schaltet sie zu ihrem Kollegen im Studio in Hamburg. Hätte eine Postkarte von der Stelle womöglich gereicht, das dann hinter Frau Miosga eingeblendet wird? Machen die Sender doch auch bei Berichten aus Berlin, Washington und anderen Orten. Außerdem werden dann die Haare nicht vom Wind zerzaust. Wobei Frau Miosga damit extrem cool umging: Sie machte einfach weiter und ließ Krauskopf Krauskopf sein. Sympatisch, aber kein Tagesthemen-relevantes Thema.

Wozu braucht das ZDF für die Übertragung der Fußball-EM eine Großbild-Leinwand am Strand von Heringsdorf auf Usedom? Die Logik dahinter ist kaum nachvollziehbar. Denn wenn „von“ etwas berichtet wird, ist man typischerweise „vor Ort“, „zu Hause“ oder nimmt den, der sowieso in der Nähe ist. Aber nicht „irgendwo anders“. Bei Korrespondenten haben die Sender kein Problem, wenn die hunderte Kilometer weg sind, weil neben Kosten- und Gesundheitsgründen, Informationen über Unruhen, Unwetter oder Unglücke mit einer gewissen Distanz zum Brennpunkt, aber den lokalen Kenntnissen des vor Ort lebenden Mitarbeiters, durchaus die Chance auf hohe Qualität haben. Wozu dann an einem Urlaubsstrand auf Usedom die Hauptattraktion des Ortes vom ZDF vereinnahmt wird, das „seinen“ Strand mit den sonst fröhlich verteilten Strandkörben in Wagenburg-Manier absperrt – allein deren Miete dürfte bereits ein stattliches Sümmchen sein – erschließt sich nicht. Zugegeben: Polen ist „nah dran“. Könnte man meinen. Wer schon mal da war, weiß jedoch, dass Świnoujście (Swinemünde) vermutlich der unzugänglichste Ort Polens ist. Wer Heringsdorf und den Weg dorthin sowie dort zum Strand kennt, weiß darüber hinaus, dass es sehr wenige Orte in der Republik gibt, die für Übertragungswagen und sonstige Ausrüstung einer solchen Mammut-Übertragung schlechter erreichbar sind.

Zur endgültigen Lachnummer verkommt das Ganze, wenn die Moderatoren aus der Seebrücke kommentieren müssen, weil für ein Dach über die in den Strand gerammten Bühnenelemente entweder doch das Geld knapp oder der Aufwand zu groß wurde, oder schlicht niemand bedacht hatte, dass es am Meer und generell im Freien gelegentlich mal regnet.

Dass bei einer „Wander-EM“ von einem Standort aus berichtet wird, klingt erst mal nach vernünftiger Idee. Warum nicht aus dem bestens ausgestatteten Sendezentrum in Mainz oder anderen in der Republik bleibt ein Mysterium. Dass Waldi dann aus Leipzig sendet und vor Ort trotzdem in allen Stadien noch Studios angemietet und organisiert werden, will man Interviews mit den eigentlichen Akteuren (es geht um Fußball, dass nur am Rande) haben, macht die Wahl des Ortes auf einer nur über eine einspurige Landstraße erreichbaren Halbinsel noch unverständlicher.

Damit kein Missverständnis aufkommt: Usedom ist eine tolle Urlaubsinsel, Heringsdorf ein kuscheliges Örtchen. Wie lange der Genesungsprozess von der „Heimsuchung ZDF“ dauert, werden wir vermutlich nie erfahren. Ob es wenigstens für die Moderatoren nett ist, ebenfalls eher nicht. Und ob es „gut bzw. notwendig für das Thema“ war, fragt besser niemand. Die Antwort könnte missfallen.


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