Kahlschlag

16.07.2011

Wenn es nach Lutz Marmor, dem ARD-Chef geht, gilt «die Besten gehören ins Erste». Güte definiert sich bei der ARD offenbar vergleichbar zu Schinken: Gut abgehangen muss er sein.

Die ARD entwickelt sich zunehmend zum Vorrentner-Paradies. Spätestens wenn Herr Marmor sagt «der Vorabend im Erste ist insgesamt im Aufbruch», und damit eine Umgestaltung des Vorabendprogramms mit Herrn Gottschalk zusammenfasst, reibt man sich als Gebührenzahler schon ein wenig die vergrämten Augen. Sicher; „uns Gottschalk“ ist ein Urgestein und die Republik schuldet im Dank. Ohne ihn wäre Fernsehunterhaltung in Deutschland in den letzten Dekaden fraglos um einiges ärmer gewesen. Allerdings macht Gottschalk womöglich den selben Fehler wie viele Showgrößen vor ihm: Er verpasst die Chance eines grandiosen Abgangs.

Zweifelsohne ist man heute „in den Sechzigern“ noch voll im Leben. Dank Industrialisierung, besserer Ernährung und Gesundheitsversorgung werden wir älter und bleiben fit. Sogar die Rentenanstalt hat das kapiert und schiebt das Rentenalter schrittweise in Richtung 70 Lebensjahre. Wenn ein Journalist Herrn Marmor fragt, ob Herr Gottschalk womöglich zu alt für Facebook und Twitter sei, leuchten da äußerst überkommene Vorstellungen von Menschen oberhalb der vermeintlich werberelevanten Zielgruppe durch. So mancher „alte Sack“ hat eine erheblich bessere Medienkompetenz, als die „jungen Hüpfer“, die sorg- und gedankenlos mit einem Medium umgehen, dessen Tragweite sie nur fragmentarisch begreifen. Zu unterstellen, dass «älter = zu doof für Neues» bedeutet, ist arrogant.

Dass es genau anders herum ist, zeigt Herr Gottschalk. Der freut sich, dass man ihm nochmal eine Spielwiese lässt, er dafür mit hoher Wahrscheinlichkeit fürstlich mit Rundfunkgebühren entlohnt wird und – als Sahnehäubchen oben drauf – abends zu Hause gemütlich vor dem Kamin sitzen kann. Das ist eine entspannte und altersweise Alternative zu immer absurderen Wetten, die aufgrund eines tragischen Unfalls vorhersehbar dröger werden. Wobei Herr Gottschalk schlicht das Pech hatte, dass der Wettkandidat sich vor laufender Kamera verletzte. Wäre das im Training passiert, hätte es die Wette nie im Abendprogramm gegeben. Die schöne heile Fernsehwelt hätte keinen Kratzer abgekriegt und der junge Mann keine herausragende Betreuung in der Schweiz.

Herr Gottschalk hat, wie andere „ARD-Stars“ erkannt, dass er dem Quotendruck, dem sich das ZDF mit „Wetten, dass…?“ Unnötigerweise selbst unterworfen hat, mit diesem Schachzug elegant entziehen kann. Die angekündigten Sachzwänge von den ZDF-Oberen würden seine Strahlkraft erheblich senken. Er geht als verantwortungsbewusster Sonnenkönig. Und hinterlässt ausgetrocknete Erde, auf der es jede neue Pflanze schwer haben wird.

Gottschalk zeigt mit seinem Einstieg bei der ARD, wie sich die Selbstwahrnehmung seiner Generation verändert hat. Mit Anfang 60 schaltet man heute noch nicht herunter. Lebensweise und im Leben stehtend sucht er sich frische Erde für eine neue Saat. Ob das Vorabendprogramm der ARD dafür der richtige Acker ist, wird sich zeigen. Die neue Show soll angeblich ohne Studiopublikum stattfinden. Für einen Großmeister der Zuschauer-Animation, der das Gruppenfeedback für den nächsten Schritt braucht, wie ein Fisch das Wasser, ein waghalsiges Terrain.

Die ARD selbst muss sich die Frage gefallen lassen, was nach den vielen zusammengekauften Moderatoren-Routiniers kommt. Denn große Bäume werfen so viel Schatten, dass daneben nichts gedeiht. Werden sie bei einem Sturm umgerissen, bleibt die Stelle lange kahl und wächst nur sehr langsam wieder zu. Und das Verpflanzen herausragender Bäume in eine neue Umgebung ist ebenfalls ein unsicheres Unterfangen. Regelmäßig gehen sie danach ein, egal, wie teuer die Aktion war.

Gerade Gottschalk hatte das erkannt, als er mit Frau Hunziker eine Co-Moderatorin präsentierte. Im blieb nicht die Zeit, sie neben sich als „natürliche“ Nachfolgerin heranzuziehen. So ist das eben, wenn Blitze in große Bäume einschlagen. Herr Marmor sollte mal die Kollegen beim ZDF fragen, was das für einen Stress macht. Und die atmen vermutlich tief durch, dass sie die Vorruhestandsregelung von Gottschalk nicht auch noch an der Backe haben.

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